Wenn ich mit Menschen über Glarus Süd spreche, spüre ich eine gewisse Schwere. Viele Sorgen stehen im Raum: Gemeindefinanzen, fehlende Nutzungsplanung, Fragen zur Langzeitpflege, die Zukunft des Wintertourismus, Lehrpersonenmangel und viele mehr. Es ist eine lange Liste. Und jedes einzelne Thema verlangt Aufmerksamkeit. Niemand wird bestreiten: Diese Probleme müssen angepackt werden. Sie binden Kräfte, Zeit und Nerven. Sie fordern Verwaltung und Gemeinderat bis an ihre Grenzen. Gleichzeitig entsteht dadurch ein Gefühl, als befinde sich die ganze Gemeinde im Krisenmodus oder zumindest in einem permanenten Reparaturbetrieb. Es wird reagiert, statt gestaltet, repariert statt entworfen.
In solchen Zeiten liegt der Gedanke nahe: Visionen können warten. Zuerst müssen wir Probleme lösen. Visionen erscheinen da schnell wie hübsche, aber unnütze Luftschlösser. Doch gerade jetzt lohnt sich ein Perspektivenwechsel. Denn trotz aller Herausforderungen leben wir in einer aussergewöhnlich schönen Region. Die einmalige Landschaft, Erholung direkt vor der Haustür, eine Geschichte mit unzähligen Pionierleistungen, spürbaren Zusammenhalt und engagierte Bevölkerung sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie sind Stärken und sie bergen Zukunft. Aber die Sorge vor einer schleichenden Abwärtsspirale ist real. Gerade deshalb sind Visionen keine Spielerei. Sie bieten Orientierung und helfen uns, über das Heute hinauszudenken. Sie schaffen Bilder einer Zukunft, für die es sich lohnt, Energie aufzubringen.
Doch wer soll diese Visionen entwickeln? Der Gemeinderat ringt mit zahlreichen Problemen. Von der Verwaltung erwarten wir zu Recht Effizienz und Schlanke Strukturen. Raum zum Träumen bleibt da wenig.
Umso wichtiger ist es, dass Visionen von uns allen gedacht und getragen werden: in Vereinen, im Gewerbe, im Tourismus, in politischen Parteien, am Stammtisch und am Küchentisch. Ideen entstehen dort, wo Menschen miteinander sprechen. Die Politik ist dann gefragt, wenn es um die Umsetzung geht. Gemeinde und Kanton sollen Türen öffnen und Möglichkeiten sehen statt Hürden zu schaffen.
Denken wir also nach vorne und vergessen nicht: Visionen wirken anfangs oft unrealistisch. Menschen mit grossen Ideen werden schnell als Spinner belächelt. Gerade jetzt, wo wir Zukunftsbilder so dringend brauchen, sollten wir neugierig zuhören, statt reflexartig abzuwinken. Manches, was heute kühn klingt, kann morgen selbstverständlich sein. Vielleicht liegt genau darin unsere Chance: eine visionäre Gesellschaft zu werden. Eine, die Probleme ernst nimmt, aber den Blick nicht senkt. Eine, die an ihre Region glaubt. Während dem Schreiben dieser Zeilen stelle ich fest: Ich sollte wohl auch wieder mehr in den Visions-Modus wechseln. Machen sie mit?